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Montag, 23. November 2009

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Urbanes Leben im Satelliten

© F.A.Z. - Dieter Rüchel

Auf dem Riedberg wird auf halbem Weg zwischen Skyline und Taunus eine Kleinstadt gebaut. Rund 13500 Menschen sollen einmal hier leben. Die Entwicklung des neuen Stadtteils kommt nach schwachem Start deutlich voran.

Von Rainer Schulze

Mit Hund oder ohne, Kinderwagen sind ein Muss – auffällig viele Spaziergänger sind auf dem Riedberg unterwegs. Bei schönem Wetter ist hier der Horizont weit und der Taunus zum Greifen nah. Zwischen den Häuserinseln, die immer näher zusammenrücken, klaffen noch Felder und Wiesen. Flecken für Flecken wird dieser Stadtteil von seinen neuen Bewohnern erobert. "Stadtnah und dennoch im Grünen" – das schätzt die junge Frau, die im Quartier "Schöne Aussicht" gerade den Hof abfegt, an ihrem neuen Wohnort. Für die Fahrt in die Innenstadt benötigt sie über die Autobahn nur knapp zehn Minuten.

Vor zehn Jahren war hier noch Ackerland. Wie seit römischer Zeit. Dort, wo die Bornfloßquelle entspringt, informiert ein Schild, wie es früher einmal auf dem Riedberg aussah. Fundamente eines römischen Gutshofs wurden nahe der Quelle gefunden. Seit römischer Zeit wurde der Hang zum Mertonviertel landwirtschaftlich genutzt. Zur Zeit des Bonifatius, also im frühen Mittelalter, wurden Roggen und Gerste angebaut. Jetzt besetzt die Stadt den Raum. Die Bauern verkauften ihren Grund, viele aufgrund des geringen Preises allerdings nicht ganz freiwillig. Einige mussten sogar enteignet werden.

Der Riedberg ist mit einem Investitionsvolumen von bis zu zwei Milliarden Euro das größte städtebauliche Projekt Frankfurts und eines der größten Deutschlands. Der neue Stadtteil wird als "städtebauliche Entwicklungsmaßnahme" geplant. Die Infrastruktur – Kindertagesstätten, Schulen, Verkehrsflächen – wird von der Stadt vorfinanziert. Erst später bekommt die Stadt das Geld durch den Verkauf von Grundstücken wieder rein. Nach dem recht zähen Beginn in der Anfangsphase der Erschließung wird dem Riedberg in der Immobilienbranche inzwischen eine "eigene Dynamik" attestiert. Die Vermarktung des Riedbergs hat stark angezogen. Was bisher gebaut wurde, ist auch bezogen worden. "Anfangs hat niemand an den Riedberg geglaubt", erinnert Werner Hackermeier, Projektleiter Riedberg, an die schleppenden Jahre nach dem Baubeginn 1997. "Jetzt sieht das anders aus." Allein 2007 wurden 400 Wohnungen gebaut. Derzeit leben knapp 3000 Menschen auf der Höhe am Stadtrand und genießen die Aussicht auf Skyline und Taunus gleichermaßen. Hier entsteht bis 2017 Wohnraum für etwa 13 500 Menschen.

Die Hessen Agentur, die im Auftrag der Stadt die Entwicklung des Viertels steuert, muss auf neue "Wohntrends" reagieren. Hackermeier versteht sich als "zentraler Immobilienmanager": "Anders als in anderen Neubauvierteln ist hier eine richtige Strategie möglich." Erst vor kurzem wurde eine Umplanung vorgenommen. Da Doppelhaushälften nicht mehr so beliebt sind, sollen vermehrt auch freistehende Häuser gebaut werden. Auch Geschosswohnungsbau gehe "wie geschnitten Brot" und wird an den Riedberg ziehen. Anfangs waren hier nur Eigentumswohnungen geplant. Jetzt, so der Stand der Dinge, werden auch Mietwohnungen am Riedberg gebaut. Wenn der Stadtteil fertig entwickelt ist, soll der Eigentumsanteil etwa 80 Prozent betragen. Noch ist keine Grundsatzentscheidung getroffen worden, ob am Rand des Viertels auch 70 bis 80 Sozialwohnungen gebaut werden. Planungsderzenent Edwin Schwarz (CDU) hat dies aber schon angekündigt. Die Mieter sollen von einer eigenen Sozialstation betreut werden.

Nicht jeder ist mit der Umplanung einverstanden. Am Riedberg hat sích eine gut verdienende, recht homogene soziale Schicht niedergelassen, die in den Bankentürmen arbeitet und abseits der hektischen Innenstadt hier die Kinder erzieht. Diese Einwohnerstruktur und der "Pioniergeist" der ersten Anwohner haben zu seiner starken Solidarisierung mit dem eigenen Stadtteil und zu einer intensiven Nachbarschaft geführt. Die IG Riedberg hat sich mit dem Ziel gegründet, den Austausch der Bewohner zu fördern. Einige Bewohner der "Schönen Aussicht" fürchten, dass ihr Quartier "zubetoniert" würde, weil entgegen der ursprünglichen Planung auch Geschosswohnungen gebaut werden. Sie haben Schilder vom Balkon gehängt. "Nur Doppelhaushälften" steht darauf geschrieben. Hackermeier schließt aber aus, dass ihnen die Aussicht verbaut wird. "Die Gebäudehöhe bleibt die gleiche. Die Menschen sollten Vertrauen zu uns haben." Auch mit der Architektur auf dem Riedberg sind einige Bewohner nicht einverstanden. Manche Bauträger haben uniform wirkende, einfallslose Wohnhäuser gebaut. Doch die Qualität der Architektur hat eindeutig zugenommen. "Wir haben versucht, im Rahmen von Architekturwettbewerben mehr Vielfalt reinzubekommen", sagt Hackermeier. Um die Mischung unterschiedlicher Baustile zu forcieren, wurde der Riedberg in sieben Quartiere mit zum Teil sprechenden Namen wie "Altkönigblick", "Schöne Aussicht", "Ginsterhöhe" oder "Bonifatiusbrunnen" eingeteilt.

"Wir sehen uns als Pioniere", sagt Paul Wnuk. Gemeinsam mit seinem Kollegen hat er eine kieferorthopädische Praxis an der Altenhöferallee eröffnet. Die Patienten kommen bis aus Bad Homburg hierher. Sie schätzten besonders, dass die Parkplatzsuche auf dem Riedberg entfällt. In der Infrastruktur ist das Viertel sogar zum Teil der ursprünglichen Planung voraus. Drei Kindertagesstätten gibt es bisher, weitere sind geplant. Eine Grundschule öffnete im November 2004, der Schulentwicklungsplan sieht eine weiterführenden Schule auf dem Riedberg vor. Vor kurzem hat die erste Pizzeria aufgemacht. Das Restaurant "Isola bella", so ist zu hören, läuft nicht schlecht. Bis das Riedbergzentrum im nächsten Jahr seine Türen öffnet, ist sie allerdings auch konkurrenzlos. Der Bauherr und Architekt Andreas Lyson baut das 6000 Quadratmeter große Einkaufszentrum, in dem ein Rewe- und ein Aldi-Supermarkt, ein Drogeriemarkt und Arztpraxen untergebracht werden. sind geplant. 117 Mietwohnungen sind ebenfalls geplant. Einen zusätzlichen Entwicklungsschub versprechen sich die Planer von dem Bau der Stadtbahn, der im Sommer beginnen soll. Sie soll 2011 am Riedberg halten und das Viertel schneller mit der Innenstadt verbinden. Die nahen Autobahnen 5 und 661 binden den Riedberg zwar hervorragend an, verstärken aber auch, zusammen mit den Bürobauten im südlich gelegenen Mertonviertel, seine isolierte Lage. Der Riedberg ist auch ein Wissenschaftsstandort. Die Hoffnungen auf "urbanes Leben" ruhen auch auf der Universität, die ihre naturwissenschaftlichen Fachbereiche hier ansiedelt. 8000 Studenten werden hier einmal studieren und zum Teil in Studentenwohnheime einziehen. Unter anderem durch die Universität werden am Riedberg rund 3000 Arbeitsplätze entstehen.

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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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