Empfehlen Sie diese Seiten Freunden und Bekannten!
Die Stadt hebt die Reserven
Es wird eng auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt. Im Europaviertel, auf dem Campus Bockenheim und am Henninger-Turm erschließt die Stadt in den nächsten Jahren die letzten größeren Flächen, die derzeit noch verfügbar sind.
Ein Ausblick von Rainer Schulze
Hinter der Emser Brücke beginnt die Steppe. Die Sandhügel und das Gestrüpp warten geduldig auf die ersten "Siedler", die hier ihre Häuser bauen und ihre Kinder großziehen werden. Doch solange von ihnen noch nichts zu sehen ist, geht die Sonne im Westen des Europaviertels ganz unbeobachtet dramatisch unter und schickt ein paar letzte Strahlen durch die Wolkenschicht. Die Kulisse ist imposant. Wie ein langgezogener Keil schiebt sich das Europaviertel zwischen die Messehallen und die Konzernzentrale der Deutschen Bahn, die wie eine in die Zukunft katapultierte Trutzburg aus Beton die Grenze zum Gallusviertel markiert.
Das Europaviertel, das sich, beginnend im Osten an der Friedrich-Ebert-Anlage, zwischen Messe und Gallusviertel unter der Emser Brücke hindurch bis zum Rebstockpark und fast bis zur A5 zieht, ist die größte der drei Freiflächen im Stadtgebiet, die noch ihrer Erschließung als Wohnviertel harren. Dort, auf dem Campus Bockenheim und auf dem Henninger-Areal in Sachsenhausen soll Wohnraum für zusammengerechnet rund 16000 Einwohner entstehen. Drei Zukunftsprojekte, die das Gesicht der Stadt entscheidend verändern werden. Die Stadtplaner können bei der Erschließung auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie in den anderen Vierteln, die längst im Bau sind - also am Riedberg, am Frankfurter Bogen, an der Friedberger Warte und am Rebstockpark -, gemacht haben.
Ein Vorteil bei der Erschließung des Europaviertels ist die überschaubare Eigentümerstruktur. Östlich der Emser Brücke entwickelt die Vivico das gesamte Gelände. Hier sind neben Bürogebäuden und Hochhäusern auch insgesamt 780 Wohnungen für rund 2000 Einwohner geplant. Und auf der westlichen Seite der Emser Brücke plant die Projektentwicklungsgesellschaft Aurelis, der ein Großteil der Fläche am ehemaligen Güter- und Rangierbahnhof gehört, die Bebauung. In den nächsten Jahren entsteht dort Wohnraum für 2500 bis 3000 Menschen. Nach Darstellung der Stadt soll das gesamte Europaviertel sogar Platz für 9600 Frankfurter bieten.
Im Westen sehen Immobilienberater die Zukunft für Frankfurt. Wenn sich das Europaviertel entwickelt, wird nicht nur das noch recht abseits gelegene neue Wohnviertel Rebstockpark mit seinen später knapp 4500 Einwohnern näher an die Stadt heranwachsen. "Im Westen viel Neues", melden auch die Projektentwickler, Grundstückseigentümer und Investoren, die diesen Stadtteil voranbringen. Die Europaallee ist schon seit zwei Jahren da. Bisher führt sie westlich der Emser Brücke zwar noch einsam durch die Wüstenei. Aber östlich der S-Bahn- und Autobrücke tut sich an ihrem Straßenrand schon einiges. In diesem Quartier, das die Vivico unter dem Namen "Boulevard" erschließt und vermarktet, zeigen an der mit doppelten Baumreihen und Rasenflächen gesäumten Straße schon einige Schilder, was hier entstehen soll: Südlich der Europaallee sind achtgeschossige Wohnhäuser, nördlich Büro- und Geschäftsgebäude geplant. Die Vivico träumt schon von einer "Flaniermeile". Im Baufeld Süd 3 sind Arbeiter derzeit damit beschäftigt, die ersten Wände hochzuziehen. Das Erdgeschoss steht schon.
Mit seiner Lage zwischen Messe und Hauptbahnhof ist das östliche Europaviertel das urbanste der drei künftigen Stadtviertel. Die Verkehrsanbindung ist günstig. Sowohl durch die U-Bahnline 4 als auch über zwei S-Bahnlinien ist das Viertel erschlossen. Die Verlängerung der Linie 5 mit den Haltestellen Emser Brücke und Güterplatz ist geplant. Die Nahversorgung soll neben dem wenige Meter entfernt gelegenen Einkaufszentrum "Skyline Plaza", mit dessen lange umstrittenen Bau die Vivico noch in diesem Jahr beginnen will, ein Supermarkt abdecken. Für Kindergärten und Schulen müssen sich die Bewohner allerdings in den angrenzenden Vierteln umschauen. Das sieht im Westen des Europaviertels anders aus. Hier, wo die Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Hessen und die Nassauische Heimstätte im Herbst an der Idsteiner Straße mit dem Bau von 350 neuen Wohnungen beginnen wollen, soll in jedem der drei Quartiere nördlich und südlich des Europagartens eine Kindertagesstätte entstehen. Auch eine Grundschule ist vorgesehen. Die Grundstückseigentümerin Aurelis baut im Unterschied zur Vivico nicht selbst, sondern vermarktet und veräußert in ihrem rund 67 Hektar großen Teil baureife Grundstücke an Investoren. Der zentral gelegene Europagarten ist als Verbindung zum Rebstockpark geplant. Von der zweiten Jahreshälfte 2009 an, wenn der Rückbau der Bahnflächen abgeschlossen ist, sollen die ersten Abschnitte des Grünzugs angelegt werden.
Auf dem Campus Bockenheim ist die Entwicklung durch die neuen Mehrheitsverhältnisse nach der Landtagswahl ins Stocken geraten. Die Wohnungsgesellschaft ABG Holding und die OFB Projektentwicklung wollen das bisher von der Universität genutzte, rund 17 Hektar große Gelände vom Land Hessen erwerben und im Rahmen einer öffentlich privaten Partnerschaft (PPP) gemeinsam mit der Stadt entwickeln, sobald die Uni wie geplant im Jahr 2014 ihren Umzug auf den Campus Westend beendet hat. Das Land hofft, mit dem Verkauf des Geländes knapp 200 Millionen Euro zu erlösen. Die schon mehr als zwei Jahre dauernden Gespräche drehten sich derzeit um "eine Reihe von Sachproblemen" wie Altlasten auf dem Gelände, sagte Gerhard Grandke, Geschäftsführer der OFB. Sein Kollege bei der ABG, Geschäftsführer Frank Junker, ist zuversichtlich, "dass da bald wieder Fahrt reinkommt". "Wir hegen nach wie vor große Hoffnung, dass es noch in diesem Jahr zum Abschluss kommt."
Die Stadt will mit einer hochwertigen, sechs- bis siebengeschossigen Bebauung das Gelände aufwerten. Umstritten war der im städtebaulichen Rahmenplan vorgesehene Wohnanteil auf dem Gelände. Waren zunächst nur 30 Prozent der künftigen Bebauung für Wohnungen vorgesehen, liegt deren Anteil nach dem derzeitigen Stand der Planungen laut Junker bei rund 40 Prozent. Im Süden des Areals sind drei treppenförmig abgestufte Hochhäuser mit einer Höhe von 70, 100 und 140 Metern im aktuellen Hochhausrahmenplan eingetragen. Das 70 Meter hohe Gebäude ist als Wohnhochhaus geplant. Noch ist unklar, ob der markante Backsteinbau der Druckerei Dondorf im Norden des Geländes erhalten bleibt und, wie von verschiedenen Initiativen gewünscht, für genossenschaftliches Wohnen genutzt wird. Auch die KfW-Bankengruppe, die derzeit ihren Standort auf der gegenüberliegenden Seite der Zeppelinallee ausbaut, ist an dem Gelände interessiert.
Das ehemalige Henninger-Areal in Sachsenhausen zählt mit seinem Skyline-Blick zu den Flächen, denen in der Stadtentwicklung eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Das Gelände ist längst planiert, eigentlich könnten jeden Tag die Bagger anrücken. Aber der Bebauungsplan ließ lange auf sich warten. Im Januar haben die Stadtverordneten zwar den Plan mit einem Aufstellungsbeschluss in die Wege geleitet. Doch jetzt hat die in der Nachbarschaft ansässige Binding Brauerei noch einmal dazwischengefunkt, die um ihren Standort fürchtet. Dabei heißt es im Bebauungsplanentwurf deutlich, die "zukunftsorientierte Sicherung des Brauereistandorts Binding" sei ein wichtiges Ziel.
Rund um den Henninger-Turm soll ein neues Quartier für bis zu 2000 Frankfurter entstehen. Der Kern des neuen Wohngebiets liegt östlich des Sachsenhäuser Wahrzeichens, das umgebaut und als "Identifikationspunkt" erhalten werden soll. Die Eigentümerfamilie des SAP-Mitgründers Dietmar Hopp will "einige Spitzenleute" zu dem Realisierungswettbewerb für den Turm einladen. Unter anderem soll es wieder ein Restaurant in der drehbaren Spitze geben. Etwa 750 Wohnungen sind auf dem Henninger-Areal geplant, hinzu kommen eine Kindertagesstätte, Einzelhandel und Gastronomie. Im Zentrum des Wohngebiets sind fünfgeschossige Häuser geplant, die durch mehrere bauliche Hochpunkte ergänzt werden sollen. An den verdichteten Kern sollen sich Wohngebiete mit zwei- bis viergeschossigen Terrassen-, Zeilen- und Stadthäusern anschließen. Westlich des Turms soll ein Mischgebiet aus fünfstöckigen Gewerbe- und Wohngebäuden den Übergang und einen "Lärmpuffer" zur Binding-Brauerei bilden. Der Bebauungsplan orientiert sich im Wesentlichen an einem städtebaulichen Konzept, das schon im Dezember 2006 präsentiert worden war. Es trägt die Handschrift des Stadtplaners und Architekten Jochem Jourdan.
Bei Zeitangaben für die Entwicklung der drei künftigen Wohnviertel halten sich die Planer zurück. Die Erschließung dieser Reserveflächen ist wohl eher eine Sache der nächsten zehn bis zwanzig Jahre. Zeit genug, um Sorgfalt walten zu lassen.
Kommentare
Kommentar schreiben
Um Kommentare schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Registrieren Sie sich
hier.


Login









Rainer R. Tost schreibt: Die Stadt hebt die Reserven
Sie schreiben ... "Noch ist unklar, ob der markante Backsteinbau der Druckerei Dondorf im Norden des Geländes erhalten bleibt ..." Im Bericht des Magistrats, B 184 vom 11.04.2008, ist die Rede von ... "Dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung wurde gefolgt. Der Bebauungsplanentwurf wurde dahingehend geändert, dass das Gebäude der Alten Druckerei zukünftig innerhalb eines Baufeldes liegt und damit sein Erhalt und Umbau planungsrechtlich ermöglicht wird ..." Dafür haben wir, die Bürgerinitiative "Leben - Lernen - Arbeiten: Dondorf-Frankfurt", gekämpft. Wir kämpfen weiter und mobilisieren die Öffentlichkeit, damit eines der letzten jüdischen Industriekulturdenkmäler und Bestandteil der "Route der Industriekultur" erhalten bleibt! Informationen unter: www.Dondorf-Frankfurt.de