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Auf Solidarität gebaut
Mieterporträt
Von Rainer Schulze
Die Balkontür quietscht. Franca Schirrmacher stützt sich auf das Geländer ihres neuen Zuhauses und schaut auf die Streuobstwiese, die sich hinter dem Neubau erstreckt. Im Hintergrund stiften ein paar Vogelstimmen die passende Kulisse zum ersten Frühling im neuen Heim. Die 45 Jahre alte Kulturpädagogin sieht zufrieden aus. Längst wohnt sie nicht mehr auf der Baustelle. Nur hinter dem Haus wartet noch ein Stück Arbeit. Aber Franca Schirrmacher muss den Acker nicht im Alleingang in einen Garten verwandeln. Der Rasen wird gemeinsam ausgesucht und verlegt, der Boden mit vereinten Kräften umgegraben. Wieder einmal packt die ganze Hausgemeinschaft zusammen an. Denn Franca Schirrmacher wohnt in einem Gebäude, das auf dem Prinzip der Solidarität gebaut wurde. Acht Familien mit zwölf Kindern leben in dem Wohnhaus an der Alkmenestraße. Sie haben sich unter dem Dach der Wohngenossenschaft "Fundament" gefunden und teilen sich zwar nicht den Kühlschrank, aber den Garten und einen Gemeinschaftsraum.
"Wir sind schon ziemlich stolz", sagt Franca Schirrmacher und lacht. Denn die hessische Architektenkammer hat die acht Familien jetzt für ihren Mut belohnt. Der verschachtelte "Familienturm", der nach den Pländen des Architekturbüros bb22 gebaut wurde, erhielt einen Preis in der Kategorie "ressourcenschonendes und energiebewusstes Bauen". Eine Mindesteinlage von 5000 Euro war nötig, um bei der Genossenschaft Mitglied zu werden. Mindestens 200 Arbeitsstunden hat jede Partei in den Bau gesteckt, Fliesen und Parkett teilweise selbst verlegt. Auf diese Weise wurde beim Bau des 1,3 Millionen Euro teuren Niedrigenergiehauses viel Geld gespart. Die Gruppe schaffte es, die Miete auf 8,50 Euro pro Quadratmeter zu halten.
Oft scheitern solidarisch organisierte Wohnprojekte daran, dass eine treibende Kraft fehlt, um die Gruppe über Jahre hinweg zusammenzuhalten. Auch das Projekt im Frankfurter Bogen war ein Abenteuer für die acht Familien. Das Grundstück wurde in Erbpacht günstig von der Stadt erworben – mit "Familienrabatt". Das Projekt ist nicht die einzige solidarisch organisierte Wohngemeinschaft am Frankfurter Bogen. Auch die "Preungesheimer Ameisen", eine Seniorengruppe, hat ihren Traum vom Zusammenleben verwirklicht.
Die beiden Gruppen haben einen Gedanken belebt, der schon 130 Jahre alt ist. Wohnungsgenossenschaften erleben seit einigen Jahren eine kleine Renaissance. Ihre Mitgliederzahl wächst. In Frankfurt gibt es bisher im Unterschied zu anderen Städten wenig Projekte dieser Art. Gerade für Menschen, die im Alter nicht vereinsamen möchten, liegen solche Wünsche im Trend, meint Franca Schirrmacher. Für ältere Menschen seien die Vorhaben noch einfacher umzusetzen. "Bei Familien ist es oft Glückssache und eine Frage des richtigen Timings."
Der "Familienturm" ist am südlichen Ende des Frankfurter Bogens gelegen. Der Abstand zur Autobahn ist hinreichend groß, so dass der Verkehrslärm nicht stört. Steht der Wind günstig, ist vom Rauschen der Autos kaum etwas zu hören. Franca Schirrmacher ist mit ihrem Lebensgefährten, dem 15 Jahre alten Sohn und der elfjährigen Tochter von der Bergstraße aus nach Frankfurt gezogen, weil ihr die Pendelei auf die Nerven ging. Sie suchten einen Platz, der nah genug an der Innenstadt ist, um schnell am Arbeitsplatz zu sein. Bis zum Arbeitsplatz im Gallusviertel braucht sie mit dem Fahrrad 35 Minuten. Und das neue Heim sollte weit genug draußen sein, um die Natur vor der Tür zu haben.
Franca Schirrmacher schwört nicht nur auf den Geist der Gemeinschaft. Sie geniniest es auch, ihr neues Zuhause frei gestalten zu können: "Im Reihenhaus kann man nur zwischen Holzboden oder Linoleum wählen." Der "Familienturm" ist aber kein Wiederbeleben der WG auf Lebenszeit. Die Parteien können sich aus dem Weg gehen. In jedem Stockwerk wohnen zwei Familien in separaten Wohnungen. Doch wenn es Engpässe in der Kinderbetreuung gibt, greift man einander unter die Arme. Und ein Gemeinschaftsraum im Keller, der einen direkten Zugang zum Garten hat, soll spätestens zur Europameisterschaft eingeweiht werden. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist noch nicht gestillt. Irgendwann will Franca Schirrmacher einen Krimischrank an die Straße stellen. Zum Bücher tauschen.
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